wolgadeutsche.org

Katharina die Große und das Einladungsmanifest

Katharina II., auch Katharina die Große oder auf Russisch Jekaterina Welikaja genannt, wurde am 2. Mai 1729 in Stettin geboren und verstarb im Alter von 67 Jahren am 17. November 1796 in Sankt Petersburg. Kaiserin von Russland wurde die Herzogin von Holstein-Gottorf und spätere Herrin von Jever (ab 1793) am 9. Juli 1762 (33-jährig).

Übrigens ist Katharina die Große die einzige Frau in der Geschichte, der dieser Zusatz “die Große” verliehen wurde. Für ihre Zeit geradezu sehr modern war Katharina die Große eine Verfechterin und auch Repräsentantin des aufgeklärten Absolutismus. Die russische Geschichte ist sehr stark von Deutschen beeinflusst worden; das ist bekannt für die Regierungszeit Peters des Großen, aber das gilt mindestens ebenso auch für die Zeit seiner Nachfolger, insbesondere auch für Katharina die Große mit ihren deutschen Wurzeln. Da waren nicht nur deutsche Ratgeber oder Minister im Dienste der Zaren tätig, sondern die ganze Zarenfamilie Romanow ging Ehen in führenden Dynastien ganz Europas ein. Katharina die Große hatte ein großes Interesse an einem Bevölkerungswachstum in den riesigen, fast menschenlehren Gebieten Russlands, denn mehr arbeitende Menschen bedeuteten auch damals mehr Staatseinnahmen und damit auch mehr Macht und Einfluss. Hinzu kam noch, dass nomadisierende Stämme und Reitervölker bestimmte Gegenden unsicher machten; auch dem wollte Katharina die Große mit mehr Siedlern Einhalt gebieten. Dies führte schließlich zum Einladungsmanifest vom 22. Juli 1763. Hintergrund war im Wesentlichen auch die Folge der Leibeigenschaft der russischen Bauern. Sie waren Eigentum der Adligen; freie Staatsbauern, die selbst darüber entscheiden durften, wo sie ihre Felder bestellen, gab es relativ wenige.

So warb Katharina die Große mit großzügigen Privilegien, die da waren

  • eine finanzielle Starthilfe
  • 30 Jahre lang Steuerfreiheit
  • keine Verpflichtung zum Militärdienst
  • die Religionsfreiheit
  • lokale Selbstverwaltung
  • Sprachfreiheit, insbesondere für Deutsche

auch Siedler im Ausland an. Ungefähr ein Viertel aller deutschen Siedler, die vor allem aus dem Rheinland, Bayern, Baden, Hessen und der Pfalz kamen, also aus jenen Gegenden, die besonders betroffen waren von den Folgen des Siebenjährigen Krieges (1756-1763), erhielten Land an der unteren Wolga. Neben ca. 100 neuen Dorfgründungen war die “deutsche Hauptstadt” dort Pokrowsk, das 1924 in Engels umbenannt wurde. Sogar noch innerhalb der Sowjetunion gab es dort bis 1941 die Wolgadeutsche Republik. Die heutigen Nachkommen dieser Einwanderer werden als “Wolgadeutsche” bezeichnet.

Bereits im Zeitraum 1764-1767 wanderten fast 30.000 Deutsche nach Russland aus. Allerdings waren sehr viele Menschen so geschwächt, dass sie ihr Ziel nie erreichten. Und jene, die den langen Marsch geschafft haben, mussten enttäuscht feststellen, dass es mit den vielen versprochenen Freiheiten dann doch nicht so weit her ist. Beispielsweise durften Handwerker ihre erlernten Berufe in den Städten nicht ausüben. Den Bauerfamilien wurde in etwa 30 Hektar Land dort zugewiesen, wo die Russen die meiste Unterstützung brauchten, z. B. in der Region um St. Petersburg und eben an der Wolga bei Saratow; eine eigene Wahl oder Entscheidung gab es nicht. Und unter Zar Alexander II. (1818-1881) wurden schließlich auch die offiziellen Selbstbestimmungsrechte eingeschränkt, was zu einer Auswanderungswelle nach (ganz) Amerika führte; Villaguay ist nur ein Beispiel.

Viele Russlanddeutsche haben die massiven Einmischungen seitens des Staates nicht überlebt. Insbesondere in der Sowjetunion unter Stalin wurden ganze Dörfer der Wolgadeutschen zerstört und Einwohner getötet. Deutsch zu sprechen barg die große Gefahr, als Faschist abgestempelt und abgeurteilt zu werden. Der Oberste Sowjet verkündete am 26.11.1948, dass die Verbannung der Russlanddeutschen auf ewig gelte. Allerdings wurden sie dann am 29.08.1964 durch ein Dekret wieder rehabilitiert, nachdem längst schon ihre Ausreise nach Deutschland in vollem Gange war. Nach dem Zerfall der Sowjetunion nahm die Zahl der Aussiedler nach Deutschland dann nochmals sehr stark zu. Noch die letzten Spätaussiedler beklagen besonders die Vorurteile, denen sie sich sowohl in Russland, aber jetzt auch in Deutschland noch ausgesetzt sehen.